Mutter Courage will an die Macht

Als unerschrockene Staatsanwältin hat sich Silvia Steiner weitherum Respekt verschafft. Nun soll sie für die CVP den 2011 verlorenen Sitz in der Zürcher Regierung zurückholen. Die Kandidatin politisiert ohne Glamour und Show.

Quelle: webpaper.nzz.ch | Autor: Andreas Schmid

 

Silvia Steiner erzählt von interessanten Erfahrungen, die ihr der Wahlkampf bringe. Nicht, dass sie wegen einer Einladung zum Eishockey nun Fan geworden wäre: «Ich treibe lieber selber Sport», sagt die CVP-Kandidatin. Sie ist nicht eine, die das Rampenlicht sucht, Effekthascherei ist ihr fern. Kein Vorteil, wenn jemand in die Regierung gewählt werden will.

Öffentliche Auftritte gehören derzeit zum Alltag der Zürcher Staatsanwältin. Nicht nur beim Eishockey ist sie anzutreffen, sie diskutiert auch mit dem Milieu-Anwalt Valentin Landmann über Prostitution und muss sich sagen lassen, die meisten Frauen übten diese Tätigkeit freiwillig aus; und sie besucht mit den anderen bürgerlichen Regierungsratskandidaten die Albisgütli-Tagung der SVP. Eine eigene Welt für eine teilnehmende Beobachterin. Sie studiere gerne Menschen; so erlebe sie spannende Zeiten, erzählt die bald 57-Jährige. «Ich begegne allen möglichst gleich und ohne Vorbehalte, seien es angesehene Persönlichkeiten oder Beschuldigte in Verfahren.»

Als Staatsanwältin hat sich Steiner vor allem einen Namen gemacht, indem sie furchtlos gegen ungarische Zuhälter vorging, die am Zürcher Sihlquai mit Frauen handelten oder indem sie brutale Gewalttäter hart anfasste. «In meiner Tätigkeit darf man keine Angst haben, sonst ist man bestechlich.» Dennoch erlebe sie Situationen, die sie als bedrohlich empfinde, räumt Steiner beim Gespräch in ihrem schmucklosen Sitzungszimmer ein. Die befragten Opfer behandle sie mit Respekt, nicht mit Mitleid. «Die Grundsituation kann ich nicht ändern mit meiner Arbeit, höchstens einen kleinen Spickel des Elends beseitigen.» Wenn Steiner sagt, zur Abwechslung bearbeite sie hie und da einen Drogenfall, um etwas Abstand zu gewinnen, meint sie das nicht zynisch. Es ist ihr Alltag.

Dass sich dieser künftig nicht mehr um Straftäter, Opfer und Verteidiger, sondern um Verwaltungsgeschäfte, Regierungssitzungen und politische Debatten drehen soll, begründet Steiner auch mit der Lust auf neue Herausforderungen. Sie betont aber: «Ich bin glücklich mit meinem Job.» Eine Aussage, die ihrem politischen Chef, dem grünen Regierungsrat Martin Graf, gelegener käme, wenn die Staatsanwältin nicht trotzdem seinen Sitz gefährden würde. Steiner will jedoch ganz klar festgehalten haben, dass sie nicht auf eine Konfrontation mit Graf abziele. «Wir haben das beste Einvernehmen, er ist ein feiner Mensch.»

Seit 2007 gehört die Politikerin dem Zürcher Kantonsrat an. Sie engagiert sich vor allem in Sicherheitsthemen, äussert sich aber auch zu sozialen Fragen und macht sich für die Wirtschaft stark. Steiner verweist auf ihre Herkunft aus einer KMU-Familie. Bereits als 17-Jährige habe sie im Radio- und TV-Geschäft ihres Vaters Lohnabrechnungen gemacht und Arbeitszeugnisse verfasst. Steiner bemüht sich sichtlich, nicht nur als Sicherheitspolitikerin wahrgenommen zu werden.

Authentische Politik

Als wirtschaftsfreundliche Kandidatin mit bürgerlicher Grundhaltung empfiehlt denn auch FDP-Kantonsrätin Regine Sauter, die Direktorin der Zürcher Handelskammer, ihre Kollegin zur Wahl. Steiner müsse keine Rolle spielen und politisiere authentisch. Im bürgerlichen Top-Five-Ticket mit den beiden FDP- und den zwei SVP-Kandidaten fühle sie sich gut aufgehoben, sagt Steiner. «Wir haben viele Gemeinsamkeiten.»

SVP-Kantonsrat Hans-Ueli Vogt charakterisiert Steiner als sachliche, unaufgeregte Kollegin. Der Rechtsprofessor sitzt mit ihr in der Wirtschaftskommission. In diesem Gremium des Kantonsparlaments erlebt auch die Grüne Maria Rohweder-Lischer Steiners politische Arbeit: «Sie ist etwas gar staatsgläubig», aber sie agiere fundiert, geradlinig und habe einen subtilen Humor. Dass Steiner mit ihrer Politik viele grüne Wähler abholen kann, glaubt Rohweder-Lischer aber nicht. «Dafür betreibt sie eine zu ausgeprägte CVP-Politik.»

Silvia Steiner arbeitete nach Abschluss ihres Jurastudiums zunächst an Gerichten und als Bezirksanwältin, bevor sie zur Polizei wechselte. Als Chefin der Kriminalpolizei Zürich erarbeitete sie sich von 1999 bis 2002 einen ausgezeichneten Ruf, bis sie sich mit Stadträtin Esther Maurer (sp.) überwarf. Diese suspendierte Steiner, nachdem der «Sonntags-Blick» den Vorwurf erhoben hatte, die Kriminalpolizei-Chefin habe ihren Mann nach einem Verkehrsunfall begünstigt. Eine Untersuchung entlastete Steiner vollständig, doch sie gab ihr Amt ab. «Rückblickend gewinne ich den Eindruck, dass ich den Verantwortlichen zu unbequem wurde und sie den medialen Sturm nutzten, um mich loszuwerden.»

Steiners Mann verstarb vor einigen Jahren, seine schwere Krankheit hatte dazu geführt, dass seine Frau von Zug wieder nach Zürich zurückkam und die Stelle als Staatsanwältin annahm. Steiner ist Mutter einer erwachsenen Tochter und eines erwachsenen Sohnes.

Bodenständige Kandidatin

Für Philipp Kutter, den CVP-Fraktionschef im Kantonsrat, passt das zurückhaltende Auftreten zu Silvia Steiner. Sie besitze eine hohe Glaubwürdigkeit und habe einen klaren politischen Kompass. «Ihre Grundhaltung kommt stets zum Ausdruck, sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden.»

Daniel Frei, der Präsident der kantonalen SP, erlebt Steiner dagegen als schwer fassbar. «Sie agiert technokratisch, als politische Person ist sie wenig spürbar.» Er erkenne nicht, wofür sie wirklich stehe. Dass sich Steiner beruflich im Kampf gegen skrupellose Zuhälter und als Vorreiterin im Kampf gegen häusliche Gewalt profilierte, sieht der Kantonsrat nicht als wesentliches Argument für Linke und speziell Frauen, das Steiner viele Stimmen aus deren Lager brächte. «Ihr Potenzial auf dieser Seite ist begrenzt», meint Frei.

So sehr sie die neue Aufgabe reizen würde: Eine Nichtwahl wäre für Silvia Steiner nicht durchwegs schmerzlich; denn statt als Regierungsrätin Repräsentationspflichten etwa an Eishockeyspielen wahrzunehmen, könnte sie als Staatsanwältin ihre Freizeitaktivitäten weiterhin selber wählen.